Hier plant der Mitarbeiter

7. September 2018|

Krankenpflegeteam Kiel als attraktiver Arbeitgeber ausgezeichnet – kaum Fluktuation.

Wir bauen die Dienstpläne um die individuellen Bedürfnisse unserer Mitarbeiter herum.
Anja Goldschmidt-Frahm, Chefin des Krankenpflegeteam Kiel

 

In kaum einer Branche ist der Druck so groß wie in der Krankenpflege: Auch mobile Pflegedienste suchen oft verzweifelt Mitarbeiter. Die wiederum klagen über schlechte Bezahlung, Überlastung, unflexible Arbeitszeiten. Beim Krankenpflegeteam Kiel (kpt) mit 60 Mitarbeitern und 200 Patienten ist offenbar das Gegenteil der Fall: Alle Stellen sind besetzt, Fluktuation gibt es seit vielen Jahren nur selten. Das Erfolgsrezept von Unternehmensgründerin Anja Goldschmidt-Frahm klingt so einfach wie außergewöhnlich: „Wir richten uns konsequent an den Bedürfnissen unserer Mitarbeiter aus. Wie weit das geht, zeigt zum Beispiel die Erstellung der individuellen Dienstpläne. Wer bei kpt an welchen Tagen oder Uhrzeiten arbeitet, entscheiden dort nicht die Chefs, sondern die Mitarbeiter. Je nachdem, wie es die persönliche Lebenssituation gerade zulässt. „Manche Kollegen haben Kinder, andere zeitintensive Hobbys oder noch einen anderen Job. Darauf nehmen wir Rücksicht und bauen unsere Dienstpläne um die individuellen Bedürfnisse unserer Mitarbeiter herum“, erklärt Anja Goldschmidt-Frahm. Wer wissen will, wie das gehen soll, muss Pflegedienstleiterin Doris Hübner über die Schulter schauen. Auf zwei zusammengeschalteten Computerbildschirmen sieht man lange Listen mit Einsatzzeiten und -routen zu den Patienten. Wenn Kollegen ausfallen, muss Doris Hübner „jonglieren“: „In der Konsequenz bedeutet das auch eine gewisse Kompromissbereitschaft der Patienten, zwischenzeitlich zu anderen Zeiten oder von anderen Mitarbeitern versorgt zu werden.“

Gelegentlich verliere das Unternehmen dadurch zwar Kunden, die das nicht akzeptierten: „Aber lieber verzichten wir auf Umsatz, als den Druck auf Kollegen zu steigern“, erklärt die Firmenchefin: „Denn unter Druck könnten sie diese Schwerstarbeit gar nicht leisten, schon gar nicht über Jahre hinweg.“ Sind Kollegen länger krank, verhängt kpt deshalb sogar einen Aufnahmestopp für neue Patienten. Das Konzept geht offensichtlich auf: 60 Prozent der Mitarbeiter (alle in Teilzeit, 70 Prozent Frauen) seien zehn Jahre oder länger im Unternehmen,
manche sogar mehr als 20 Jahre. Und obwohl derzeit gar keine Stelle frei ist, gehen trotzdem Initiativbewerbungen in der Firmenzentrale ein. Das dort gültige Prinzip von Mitarbeiter-Wertschätzung, das sich in der Pflegeszene offenbar herumgesprochen hat, beinhaltet noch weitere Facetten. So übernimmt kpt nicht nur die Kosten für die Kinderbetreuung ihrer Mitarbeiter, sondern springt auch selbst sein, wenn Kitas wegen Streiks oder Ferien geschlossen bleiben. So werden die Kleinen dann kurzerhand in den eigenen Räumen von entsprechendem Fachpersonal betreut. Und es gibt noch weitere Wohltaten, die Teambildung und Entspannung der Mitarbeiter nach anstrengenden Diensten fördern sollen: Ruheräume,
sechs gemeinsame Feste, Kochworkshops, eine Yoga-Gruppe oder sogar zinslose Darlehen bei unerwarteten finanziellen Engpässen.

Die Bemühungen um das Wohlergehen der Belegschaft blieben nicht ohne Lohn. Nach einer Mitarbeiterbefragung kürte eine auf Pflege spezialisierte Prüfagentur das Kieler Unternehmen mit der Auszeichnung „Attraktiver Arbeitgeber Pflege“. Weil die Firma von mehr als 400 bundesweit untersuchten Pflegediensten nach Angaben von Anja Goldschmidt-Frahm weit vorne lag, galt das Qualitätssiegel sogar zwei Jahre lang, soll aber erneuert werden.

Ein Bericht in den Kieler Nachrichten vom 5. September 2018

Diesen Beitrag teilen:

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du verwendest diese HTML Tags und Attribute: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>
*
*